19.07.17 - Lawinen-Training im Sommer - Jugendbegegnung in Island

„Ich freu mich so dermaßen“, sagt Daniel in der Runde der wartenden Gruppe kurz vor der Abfahrt zum Flughafen. „Ich kann‘s auch fast nicht mehr erwarten bis es endlich los geht“ ergänzt Steven. Aber auch bei den Eltern, die ihre Kinder in unsere Obhut übergeben macht sich Vorfreude breit. „Wenn ihr noch einen Betreuer braucht, ich würde mitfahren“ sagt Markus unter großem Gelächter und nickenden Köpfen der restlichen Eltern. Natürlich verdreht sein Sohn Philipp bei dem Spruch ein wenig die Augen …

An einem Dienstagvormittag Anfang Juli gegen 10 Uhr bei bereits zirka 26 Grad Außentemperatur setzt sich die Wagenkolonne Richtung Flughafen Frankfurt zum Gegenbesuch nach Island in Bewegung. Bereits im Jahr 2016 hatte eine Gruppe isländischer Jugendlicher mit Betreuerinnen die THW-Jugend Hauenstein in der Südwestpfalz besucht.

„Hat jeder an alles gedacht? Habt ihr die Packliste abgearbeitet? Egal! Jetzt sind wir unterwegs!“ sagt der leitende Jugendbetreuer Florian schon im Auto. Es soll einer der heißesten Tage des Jahres in Deutschland werden. Dennoch haben die zehn Jugendlichen ihre THW-Jugend-Bekleidung samt Stiefeln und Fleece-Jacken angelegt. Denn schon einige Stunden später steigen sie bei nur zwölf Grad am Flughafen Keflavik wieder aus. „Schönstes isländisches Wetter“ begrüßt Anja die Hauensteiner Junghelfer um die Betreuer Florian und Timo. Anja ist die leitende Jugendbetreuerin der ICESAR-Rettungseinheit aus Reykjanesbær und bringt die Gruppe zunächst mal in „ihre“ Rettungseinheit ICESAR Suðurnes, nur ein paar hundert Meter vom Flughafen entfernt.

ICESAR – Icelandic Organisation for Search and Rescue –ist die Freiwilligen-Rettungsorganisation in Island. Fast sechs Prozent der Inselbevölkerung, etwa 18.000 Menschen, engagieren sich ehrenamtlich und vollkommen unentgeltlich in der nicht-staatlichen Organisation.

Nur geringfügig unterscheiden sich die Aufgaben von ICESAR und THW. Naturbedingt liegt der Aufgabenschwerpunkt von ICESAR bei der Seenotrettung, der Rettung von Personen aus Gletschergebieten, dem Schulen vor Gefahren auf See von allen Beschäftigten aus dem Bereich der Seefahrt, Fischerei-Industrie und Ölförderplattformen. Viele Mitglieder engagieren sich dazu noch in Unfallverhütungs-Teams. Diese vermitteln in Schulen oder öffentlichen Veranstaltungen umfangreiches Wissen aus dem Bereich der Unfallverhütung. Ein weiterer wichtiger Aufgabenbereich ist die Erste Hilfe. Nahezu jede der 99 Rettungseinheiten, die über ganz Island - vorwiegend in den Küstengebieten - verteilt sind, verfügt über umfangreiches Material zur Ersten Hilfe. Diese leisten die Teams rund um die Uhr im Rahmen ihrer First-Responder-Tätigkeit bei Unfällen oder sonstigen Notfällen bis der reguläre Rettungsdienst eingetroffen ist.

An der Station eingetroffen gab es nicht viel Zeit zum Ausruhen. In zahlreichen Kennlern- und Gruppenspielen wurde die Sprachbarriere überwunden und erste Kontakte zu den isländischen Jugendlichen geknüpft. Doch schon bald hieß es „ab ins Bett!“ Aber das Einschlafen sollte nicht nur den Jugendlichen schwer fallen. Da auf Island im Juli die Sonne nie ganz unter geht, hatten einige mit Schlafmasken vorgesorgt.

Am Mittwochmorgen ging es dann mit allerlei Fahrzeugen los in Richtung Nordwesten der Insel. In der nur 58 Menschen umfassenden Landgemeinde Skorradalur bezog die Gruppe ein kleines Camp aus einfachen Hütten. Dort trafen sie auf die bereits am Vortag angereiste THW-Jugendgruppe aus Bad Kreuznach und deren isländischen Partner Hveragerði, um gemeinsam die nächsten Tage zu verbringen.

Wanderung in der atemberaubenden Natur

Nach Bezug der Hütten und einer ausgiebigen Wanderung in der einzigartigen Natur gingen die Kennlern-Spiele am Donnerstag in eine weitere Runde. In zahlreichen Geschicklichkeits- und Mannschaftsspielen wurde aus der kleinen Gruppe Reykjanesbær/Hauenstein rasch eine große Truppe aus über 40 Teilnehmenden.

Am Freitag ging es nach dem Rückbau des Camps schon wieder zurück in Richtung Süden. Aber nicht auf direktem Weg, denn ein Muss beim Besuch von Island ist zweifellos die äußerst beliebte Tour des „Golden-Circle“. Diese führte auf einer Rundtour zu den spektakulärsten Sehenswürdigkeiten des Südwestens. Höhenpunkte für die meisten Jugendlichen waren sicher die spektakulären Ausbrüche des großen Geysirs „Strokkur“.

Am Abend bezog die Gruppe ihr Nachtlager in der Rettungsstation in Hveragerði. Den ganzen Samstag über standen vielfältige Trainingseinheiten in den Bereichen Klettern und Verletztentransport auf dem gemeinsamen Tagesplan, danach trennten sich die Gruppen der beiden Jugendbegegnungen wieder.

Zurück in der Rettungsstation in Reykjanesbær beschäftigten sich die Jugendlichen am Sonntag mit dem umfangreichen Equipment im Bereich der Ersten Hilfe. Da die Einheit als Erst-Eingreif-Einheit bei Unfällen auf dem benachbarten internationalen Flughafen Keflavik eingesetzt wird, besitzt sie eine große Anzahl an ausgebildeten Rettungssanitäterinnen und Rettungssanitätern, aber auch eine sehr umfangreiche materielle und technische Ausstattung für Massenanfälle von Verletzten (MANV). Hierzu üben bereits die Mitglieder der Jugendgruppe intensiv umfangreiche Erste-Hilfe-Maßnahmen und den Umgang mit der Ausstattung.

Die als Krankenschwester arbeitende leitende Ausbilderin Anja präsentierte der Gruppe ein sehr interessantes Erste-Hilfe-Training. Da Einsätze natürlich nie ausschließlich im warmen Lehrsaal stattfinden, wurde das Erlernte natürlich gleich ausführlich „am lebenden Objekt“ und in freier Natur geübt!

Am Sonntagnachmittag wurde die umliegende Region der Halbinsel Reykjanes mit ihren vulkanischen Hotspots sowie der spektakulären Brücke Miðlína im äußersten Südwesten Islands erkundet. Die modern gebaute Stahlbrücke führt einen symbolischen Weg von der Kontinentalplatte Nordamerikas zur eurasischen Platte. Pro Jahr driften diese Platten um zirka 2,5 Zentimeter auseinander. Am Abend gab es freie Auswahl in der Eisdiele in Reykjanesbær. Denn gerade bei sonnigen und warmen zwölf Grad gilt auf Island immer und uneingeschränkt: „es ist nie zu kalt für Eiscreme!“

Der Montag stand ganz im Zeichen der Entspannung. Fast jedenfalls. Denn bevor diese eintreten konnte, musste die Gruppe ungefähr eine Stunde wandern. Am Ziel wartete der geothermale Fluss Reykjadalur. Aus dessen heißen Quellen strömt 80 Grad heißes Thermalwasser und mischt sich flussabwärts mit eiskaltem Gletscherwasser und bietet dann mit zirka 40 Grad eine ideale Badetemperatur. Und dies ganzjährig, völlig unabhängig von der Außentemperatur. Das Badeerlebnis hat nach der Rückkehr ein Besuch im öffentlichen Schwimmbad in Reykjanesbær abgerundet. Dies ist übrigens wie alle anderen öffentlichen Schwimmbäder auf Island ebenfalls auf angenehme 38-40 Grad aufgeheizt.

Der Dienstag versprach spektakulär zu werden. Zuerst stand ein Lawinen-Training an. Es ist sicher etwas ungewöhnlich, im isländischen Sommer bei sonnigen 14 Grad ein Lawinen-Training abzuhalten. Aber genau das wurde tatsächlich trainiert. Dazu vergruben die Ausbilder im schwarzen Sand am Black Beach in Sandvik mehrere Transponder, wie sie zum Beispiel Skifahrende an ihrer Kleidung im Winter tragen. Diese können, für den Fall dass ein Mensch von einer Lawine verschüttet wird, mit Hilfe von speziellen Empfängern der ICESAR-Rettungskräfte geortet werden. Nach einer erfolgreichen Ortung wird die Position der verschütteten Person dann mit Lawinensonden bestätigt. Anschließend wird die verunglückte Person aus der Lawine gerettet.

Fahrt auf dem Seenotkreuzer

Dann ging es zur Seenotrettung, dem Spezialgebiet der Organisation. Angeleitet durch ein ausführliches theoretisches Sicherheitstraining und ausgestattet mit der entsprechenden persönlichen Schutzausrüstung durfte die Gruppe eine Ausfahrt auf dem Seenotrettungskreuzer der ICESAR-Einheit aus Grindavik im Südwesten Islands auf die hohe, aber sehr ruhige See des Nord-Atlantik machen. Die Wellenhöhe von vielleicht 25 Zentimetern war für die Passagiere der „Oddur v. Gislason“ natürlich keine Herausforderung. Die Betreuer jedoch, die den Seenotkreuzer auf Schnellbooten begleiteten, mussten sich da schon ein wenig besser festhalten, um nicht im zirka sieben Grad kalten Wasser baden zu gehen. Die Funktionsfähigkeit der Überlebensanzüge wurde nach der Rückkehr in den Hafen trotzdem noch sicherheitshalber in der Nähe des Kais von Florian und Timo getestet.

Am vorletzten Tag ging es für die Truppe in die Hauptstadt. In Reykjavik selbst leben knapp 37 Prozent der gesamten isländischen Bevölkerung – insgesamt rund 330.000 Einwohnerinnen und Einwohner, im Großraum Reykjavik gar über 200.000 Menschen. Entsprechend quirlig geht es dort zu. Da die Stadt sehr fußgänger-freundlich gestaltet ist, erkundete die Gruppe die weltberühmten Sehenswürdigkeiten wie die einmalige Kirche Hallgrímskirkja, das Kultur- und Kongresszentrum Harpa sowie die bekannte Einkaufsmeile Laugavegur bequem zu Fuß. Nach ein wenig Freizeit in der Stadt besuchte die Gruppe noch die Zentrale von ICESAR, die daran angeschlossene Einsatzzentrale der Polizei und die integrierte Leitstelle für ICESAR, Feuerwehr, Rettungsdienst und Küstenwache. Am Donnerstag, dem letzten Tag vor der Heimreise, erkundete die Gäste die Heimatgemeinde Reykjanesbær in einer Stadtrallye. Ein wunderschönes Städtchen, welches trotz der unmittelbaren Nähe zum Flughafen, einige sehr schöne Ecken zu bieten hat.

Am Abend stand dann der traurige Teil einer jeden Jugendbegegnung an: das Abschied nehmen. Während eines tollen Grillabends und dem Austausch der Geschenke, die jedes Gruppenmitglied von zu Hause mitgebracht hatte, wurde den Jugendlichen klar, wie gut man sich in den vergangenen Tagen kennengelernt hatte und dass der Abschied bevor stand. Dennoch wurde die Stimmung nur kurz getrübt und schlug schon bald wieder in Freude über die erhaltenen Geschenke sowie große Dankbarkeit über das Erlebte um!

Wieder in Hauenstein angekommen, gab auch Daniel sein abschließendes Urteil ab, das alle anderen sofort bestätigten: „Ich bin so froh, dass ich mitfahren durfte, das war eine geile Reise!“

Es war eine spektakuläre und sicher unvergessliche Reise zu unseren Freunden nach Island! Wir werden unsere Partnerschaft mit der ICESAR-Jugendgruppe aus Reykjanesbær auch in den nächsten Jahren ganz sicher fortführen!

Text: Jens Keiner
Bilder: THW-Jugend Hauenstein